Wer Belgien besucht und sich für Bier liebt, kommt in jedem Fall voll auf seine Kosten. Für mich hat der Besuch in Belgien die Tür in eine ganz neue Bierwelt geöffnet. Double, Tripples, Witbier, Trappisten Ale und und und. Die Auswahl scheint fast unerschöpflich. Ein Erlebnis in Antwerpen stach aus diesem Hoch der Bierliebhabergefühle noch heraus. Von einem Freund hatten wir einen Tipp für eine gute Bierbar erhalten. Ohne zu wissen, was uns erwarten würde, haben wir uns dorthin begeben. Von außen war „De Kulminator“ völlig unscheinbar. Der Eingangsbereich sieht aus, als wäre man zum Hintereingang in Omas unaufgeräumtes Wohnzimmer eingedrungen. Oma hat aber eindeutig ein Alkoholproblem, denn überall stehen Flaschen, stapeln sich leere Bierkästen, und liegen Poster und Werbeartikel von Brauereien. Besagte Oma steht dann auch hinter dem Tresen, den man eigentlich nur von der Seite einsehen kann, da sonst alles mit besagten Bierkisten zugemauert ist. Oma ist ungefähr 75 Jahre alt, hat weißes Haar, und bringt uns absolut tiefenentspannt die Bierkarte, welche sich als DinA4 Ordner mit ca. 30-40 Seiten
entpuppt. Das Format erinnert an eine schlecht gepflegte Excel Arbeitsmappe. Es stehen seitenweise Namen unter Namen von Bieren – jeweils mit drei Zahlen: Flaschengröße, Alkoholgehalt, Jahrgang und Preis. Wenn man mal in der Spalte verrutscht muss man wieder auf Seite 1 blättern um die Spaltenbeschriftungen einzusehen. Die schwedischen Tischnachbarn sagen uns: „Gebt uns Bescheid, wenn ihr rausgefunden habt, wie diese Karte funktioniert.“ Es sind einfach viel zu viele Optionen um eine sinnvolle Entscheidung zu treffen. Statt mit den Spezialitäten des Tages, die auf einer separaten Tafel stehen anzufangen, wie unsere schwedischen Nachbarn, erregen die alten Jahrgänge an Bieren unsere Aufmerksamkeit. Die bekannte Brauerei Chimay füllt ein komplettes DinA4 Blatt mit einem einzigen Bier in unzähligen verschiedenen Jahrgängen bis zu den 90ern. Wir entscheiden uns für eine bezahlbare Kompromissoption des Chimay Blue Grand Reserve des Jahres 2006. Oma bringt die Flasche in einem stilvollen Holzkorb mit selbstgemachtem Griff aus Zweigen. Es sieht sehr edel aus. Nach dem ersten Schluck des Biers schaut mich mein Kumpel ungläubig an und sagt: „da haben wir was angefangen“. Der Satz geht implizit weiter mit „das uns nichtmehr loslassen wird“. Seine Befürchtung ist begründet. Dieses Bier ist ganz anders als alles, was ich je getrunken habe. Es überzeugt mit einer Komplexität an dezenten Geschmacksnoten, die ihres gleichen suchen. Es schmeckt nicht wie ein Bier, hat eher die Komplexität eines guten Weines. Obgleich der Geschmack auch nicht mit einem Wein vergleichbar ist. Man muss es einfach probieren. Ich versuche das Geschmackserlebnis zu beschreiben, aber weiß, dass ich dem Bier nicht gerecht werden kann.
Angesteckt von dem Virus des gereiften Bieres wollten wir nun mehr – und älter. Die Wahl fiel auf eine staubige Flasche Cuvee de Namur aus dem Jahr 1987 – ein 27 Jahre altes Bier. Oma braucht 15 Minuten um das Bier zu besorgen, weil es in einem „anderen Lagere liegt“. Die Bar hat Platz für nur ca. 20 Leute, aber hat diverse Lagerkeller für ihre unzähligen Biersorten. Ich behaupte jetzt mal, dass das einzigartig ist. Auch dieses Bier ist überragend weich und komplex aber dabei dank des Zuckers, der beim Brauen von belgischen Bieren oft verwendet wird, erstaunlich schlank. Es bleibt abzuwarten ob und wann wir wieder so ein exzellentes Bier erleben dürfen. Sollte jemad gerade in Antwerpen sein, kann ich nur empfehlen bei „De Kulminator“ vorbei zu schauen und 20€ in
eine staubige Flasche Bier zu investieren. Es lohnt sich.
Weiterführende Links:
Clone Rezept für das Chimay Blue: http://www.candisyrup.com/recipes.html
Weitere Reviews des Chimay Blue Grand Reserve: http://www.beeradvocate.com/beer/profile/215/2512/

